

Im November 2001 ist es soweit. Ich stehe am Anfang einer sechs-monatigen Transsaharatour. Geplant ist den Spuren der Rallye Paris Dakar von Tunesien bis in den Senegal zu folgen.Die ersten vier Wochen begleitet mich Christian, den ich über das Saharaforum kennen gelernt habe. Mehr Zeit hat er leider nicht zur Verfügung.
Sechs Monate Transsahara sollten es werden, sechs Wochen Algerien sind es geworden...
In Südalgerien führt ein saudummer Sturz im wahrsten Sinne des Wortes zu einer abrupten Unterbrechung und der einmaligen Gelegenheit das Krankenhaus von Djanet näher kennenzulernen.
Nichts desto trotz gibt es einiges zu Berichten und für ein paar schöne Bilder hat es auch gereicht.
Der detaillierte Reisebericht ist inzwischen als Taschenbuch mit dem Titel Transsahara oder der Blick nach draußen im perspektivenverlag erschienen.
Die Wüste ruft
Die Anreise nach Nordafrika erfolgt klassisch von Genua nach Tunis mit der Fähre. Über Tunis, Kairouan und Tozeur geht es nach Taleb el Arbi, dem südlichsten offenen Grenzübergang zwischen Tunesien und Algerien. Kurz vor El Qued, der Stadt der tausend Kuppeln, so benannt, da hier beinahe jedes Haus von einem Kuppeldach bedeckt ist, streben wir nach Süden, unserem ersten Ziel entgegen Die Durchquerung des Grand Erg Oriental, der großen Sandwüste im Westen von Algerien.


Unter Berbern
Auf gerader Linie nach Deb Deb hoffen wir auf Spuren der Berber und der ehemaligen Kolonialmacht Frankreich, die oft mitten im Nichts befestigte Forts und Flugplätze zur Kontrolle des Landes unterhielt, zu treffen. Mitten in diesem Wüstenabschnitt, in der Nähe des Marabout Sidi Moussa geraten wir in einen Sand- und Regensturm (Derselbe fordert in Algier über 300 Todesopfer durch Schlammlawinen und zerstört die Telefonleitung nach Europa, wie wir später feststellen werden).
Ziemlich fertig suchen wir am Marabout Schutz vor dem Sturm und werden dort herzlich von einer Berberfamilie empfangen, die hier bereits ihr Lager aufgeschlagen hat. Wir lernen die viel gerühmte Gastfreundschaft der Wüstenbewohner kennen. Wie selbstverständlich erhalten wir Vollpension und werden in die Runde der Männer aufgenommen. Die Frauen bleiben meist unseren Augen verborgen oder zeigen sich nur aus der Entfernung.
Ob zu unseren Ehren, oder eh schon auf dem Speiseplan stehend, wird ein Schaf geschlachtet und in kleinen Stücken über dem offenen Feuer gebraten. Auch Delikatessen wie frisch durchs Feuer gezogene Schafsohren empfiehlt es sich in solch einer Runde nicht zu verschmähen. Ergänzt wird das Mahl durch ein säuerliches, wohlschmeckendes Brot, das mit Hilfe der Glut im Sand gebacken wird. Zu und zwischen allen Mahlzeiten gibt es grünen Tee, der nach einem festen Ritus dreimal aufgegossen wird. Geschmacklich lassen sich die drei Aufgüsse klar unterscheiden:
Le premier est amer comme la vie,
le deuxième est doux comme l'amour
et le troisième est léger comme la mort*.


Diese Teezeremonie findet man bei vielen Nomaden der Sahara wie auch in Westafrika. Sie kann sich dabei leicht über Stunden hinziehen. Zeit ist hier einfach anders definiert. Wie heißt es so schön, die Europäer haben die Uhren, die Afrikaner die Zeit.
Aus den Stunden werden Tage, bis der Sandsturm vorüber ist. Als wir die Lage wieder überblicken, zwingen uns hohe Spritverluste durch Stürze, eine undichte Schwimmerkammer und ein leckgeschlagener Ersatzkanister schließlich dazu die Ergdurchquerung abzubrechen und nach El Qued zurückzukehren, wo wir abermals vom Beduinenchef eingeladen werden.
Gräber im Sand
Nach köstlicher Bewirtung drängt es uns weiter. Über Hassi Messaoud, durchs Gassi Touil vorbei an Hassi Bel Gebbour geht es auf das Tinrhert-Plateau. Nachdem bereits in Hassi Messoud sämtliche Spritlecks gedichtet, Sturzbügel und Ersatzkanister geschweißt wurden, steht der nächsten Off-Road Etappe nichts im Wege.
Die Reg-ebene im Richtung Amguid lädt zum Gasgeben ein bis wir Kurs auf den scharzen Basaltberg Gara Khanfoussa nehmen. Nachdem wir die Dünencaldera wieder verlassen schwenken wir auf die Gräberpiste ein, die entlang des Erg Issouane bis nach Illizi führt. Nicht dass hier regelmäßig Wüstenfahrer auf der Strecke bleiben, ihren Namen hat die Piste aufgrund einer Vielzahl von Gräbern und Grabanlagen, die sich entlang ihrer befinden und aus der Zeit der kolonialen Kämpfe zwischen Franzosen und der Berberbevölkerung herrühren. Abgesehen von den zahlreichen Zeugen der Vergangenheit stoßen wir jedoch auf keine Menschenseele. Die Piste selbst verläuft im östlichen Teil sehr malerisch in einer ausgetrockneten Schwemmtonebene. Diese ist eingeschlossen zwischen den, in sämtlichen Gelb-, Rot-, und Brauntönen leuchtenden, Ausläufern des Erg Issouane im Norden und der aus schwarzen Basalt bestehenden Bergkette im Süden.


Als wir Illizi erreichen ist dort entgegen unseren Erwartungen tote Hose. Wir haben ganz übersehen, dass inzwischen der Ramandan begonnen hat. Wir lassen uns anstecken und legen einen Servicetag ein. Auf dem Campingplatz treffen wir auf die ersten Motorradfahrer seit dem Grenzübergang. Zwei Österreicher, Holger und Claudia, von welchen uns entgegenkommende Reisende an der Grenze erzählt hatten.
Der Louvre der Steinzeit
Südlich von Illizi überqueren wir das Fadnounplateau und befinden uns in den Ausläufern des Tassili d’Ajjer, eines stark zerklüfteten Bergmassivs, welches in Ost-West-Richtung verlaufend im Südosten Algeriens liegt. Der Tassili d’Ajjer wird auch der Louvre der Steinzeit genannt. Nirgendwo sonst finden sich so viele und gut erhaltene prähistorische Felsgravuren und Felszeichnungen wie hier. Fülle, Reichtum und Vielfalt der Felsenkunst im Tassili überwiegen bei weitem die vergleichsweise wenigen Funde in Europa und im südlichen Afrika. Vor 10000 Jahren mündeten die Ausläufer des Tassili nicht in eine Sand- und Steinwüste, sondern in ein äußerst fruchtbares Land, das von wilden Tieren sowie Viehherden und ihren Hirten durchzogen wurde. Es scheint damals warmes und trockenes Mittelmeerklima mit reichlich Niederschlag vorgeherrscht zu haben. Erst ab 300 n.Chr. entstand das Wüstenklima wie wir es heute kennen. Trotzdem konnte noch 1924 ein „Überlebender“ aus den fruchtbareren Zeiten entdeckt werden
Aufgrund der Struktur des Tassili d’Ajjer, seinen steilen Felsen, die sich im Sand verlieren, den Wäldern aus Steinen, die leicht zu Irrgärten werden und den vielen ausgewaschenen Canyons zeigt sich die ganze Schönheit dieses Louvres der Steinzeit erst auf einer Kamel- oder Eselwanderung durch das zerklüftete Massiv.
Das Fadnoun-Plateau ist schnell überquert, die anspruchsvolle Piste ist inzwischen durch ein Teerband abgelöst worden. Von diesem biegen wir aber wieder ab. Unser Ziel ist der Adaraj, eine Felsnadel auf der Afaraebene.
Auf der Rückfahrt vom Adaraj in Richtung Iherir passiert es dann. Beim Durchqueren einer Weichsandpassage stellt es mich auf. Auch ohne Fachmann zu sein ist der Schienbeinbruch schnell erkannt. Wir schienen das Bein notdürftig und Christian macht sich schnellstens auf den Weg nach Bordj el Haoues. Die Gendarmerie läßt sich nicht lange bitten, holt mich ab und sorgt nach einem Zwischenstopp in Bordj el Haoues für einen Weitertransport ins Krankenhaus von Djanet.


Das Krankenhaus am Rande der Wüste
Djanet, das heutige Tor zum Tassili d’Ajjer. Die größte "Stadt" im Südosten Algeriens mit ca. 3000 Einwohnern. Doch die erreiche ich nicht mehr mit dem Motorrad. Bei Vollmond komme ich im Krankenwagen bei der hiesigen Notaufnahme an. Das Röntgenbild zeigt keinen Splitterbruch. Das heißt ich werde hier operiert und darf noch eine Weile bleiben. Andernfalls wäre ich nach Algier ausgeflogen worden, heißt es.
Örtlich ist die Reise zu Ende. Doch die Abenteuer und Erlebnisse im Krankenhaus stehen den der vergangenen Wochen in nichts nach. Anders als geplant lerne ich hier die Menschen der Sahara kennen und schätzen. Obwohl im Krankenhaus, wie auch in Djanet das Telefon bereits Einzug gehalten hat, gelingt es mir während meines Aufenthaltes nicht Verbindung mit Zuhause aufzunehmen (Kein Wunder, da die Leitung gekappt ist, s.o., wie sich später herausstellt). Christians Zeit hat gerade noch gereicht mich ins Krankenhaus zu verfrachten, doch nun muss er sich wieder auf den Heimweh machen. Inzwischen sind jedoch Holger und Claudia als Ablösung in Djanet eingetroffen.
Drei Wochen später und um viele Anekdoten reicher, ist mein Bruch schließlich soweit verheilt ist, dass ich transportfähig bin. Schweren Herzens, die außerordentliche Gastfreundschaft läßt den Abschied schwer fallen, trete ich von Djanet aus die Rückreise mit dem Flugzeug an.
Ein Besonderer Dank gilt an dieser Stelle Abdelkader Bouaka, dem Besitzer des Hotel Zeriba in Djanet, ohne dessen Organisationstalent ich wahrscheinlich heute noch auf meine Krücken, ganz zu Schweigen von den Flugtickets, warten würde.
Ein wehmütiger Blick zurück
Das Flugzeug steigt höher, das Fenster gibt einen immer größeren Ausschnitt preis. Wie ein letztes Geschenk der hiesigen Gastfreundschaft öffnet sich unter mir ein wunderbarer Blick auf die Wüsten Algeriens. Wie im Zeitraffertempo fahre ich meine Tour noch einmal rückwärts und sehe aus der Luft all die Wüsten, Felsen und Gegenden, die ich vor kurzem mit dem Motorrad durchquert habe. Erinnerungen werden in mir wach. Wie gebannt klebe ich am Fenster. Ich kann mich an den Strukturen und Farben kaum satt sehen. Dieser Anblick bleibt den Reisenden am Boden vorenthalten. Ich versuche, meine Pfade wieder zu finden. Obwohl es sehr schnell geht, realisiere ich, welche Entfernung zwischen Djanet und Algier liegt. Wehmütig hefte ich den Blick an die Dünen der algerischen Sahara. Es ist gleichzeitig ein Versprechen wiederzukommen.
* Der erste ist bitter wie das Leben, der zweite süß wie die Liebe und der dritte leicht wie der Tod.