Griechenland

Nach meinem Beinbruch in Algerien ist dies unsere erste längere Motorradreise. Sie führt uns Ende Mai, Anfange Juni 2004 für drei Wochen nach Griechenland. Auf dem Peloponnes und den Inseln ist Hochsaison für Ausländer. Die Griechen selbst haben erst ab Juli Urlaub. Also die optimale Zeit, um abseits der Touristenströme Zentralgriechenland, d.h. Epirus, Thessalien und Mittelgriechenland zu erkunden. Zumal um diese Jahreszeit die Natur noch in voller Blüte steht und die Hitze erträglich bleibt.
In der Tat sind uns in den drei Wochen kaum andere Motorradfahrer begegnet, obwohl die Fähre voll davon war.

Die Anreise haben wir Sitzfleisch schonend bis Triest gestaltet und uns von dort nach Igoumenitsa eingeschifft. Von Igoumenitsa reisen wir die Westküste gen Süden bis Messolongi, folgen der Küstenlinie vorbei am historischen Delphi bis Athen. Wir umrunden Kap Sunion an der Südspitze von Attika und ziehen über Euböa wieder Richtung Norden. Der Pilion, die Halbinsel am Golf von Volos, zieht uns in seinen Bann, bevor wir über die Meteoraklöster Kurs auf den Katara-Pass nehmen, um das Pindos-Gebirge zu überqueren. Nach einer Pause in Ioanina folgen Ausflüge entlang der albanischen Grenze, wo außer uns kaum jemand unterwegs ist. Letztendlich schließt sich der Kreis wieder in Igoumenitsa.


Gen Süden
Das Wetter könnte nicht besser sein. Soweit möglich folgen wir dem Küstenverlauf und wiegen uns in den Kurven. Ein schönes Gefühl wieder in einem Land unterwegs zu sein, wo viele Verkehrsschilder bestenfalls als Diskussionsgrundlage dienen.
Auch wenn der Peloponnes und die Kykladen Hauptziel des Touristenstromes sind. Auch hier sind die Verhältnisse klar: Auf den Inseln des ionischen Meeres, allen voran Korfu, sitzen die Engländer und an der Küste die Holländer. In Parga, trotz allem ein sehenswertes Städtchen, wird uns dies besonders vor Augen geführt. Was wir vermissen sind die zugehörigen Wohnwägen.
Für Abwechslung sorgt eine Schleife durch das Landesinnere. Zwischen Agrinio und Messolongi geht es durch die Kilisura-Schlucht.


Zuckerbäckereien und andere Köstlichkeiten
Wir sind noch nicht einmal in der Nähe von Athen und die Bausstellen stechen bereits ins Auge. Für hiesige Verhältnisse untypisches hektisches Treiben lässt die versprochenen Fertigstellungstermine für die nahende Olympiade spürbar werden.
Eines der Bauwerke ist fürwahr imposant und landschaftsprägend, die Hängebrücke von Antirio nach Rio, zwischen dem Festland und dem Peloponnes. Dagegen wirkt die Golden Gate Brücke wie ein Gesellenstück. Leider sind wir ein paar Tage zu früh, noch ist die Brücke nicht eröffnet. Schade, wir wären gerne drüber gefahren.
Als Entschädigung mieten wir uns in dem Städtchen Nafpaktos ein Apartment am Strand mit Blick auf die Brücke und geben uns kulinarischen Genüssen hin. Die Mischung aus Kaffeehauskultur, Zuckerbäckereien und Grillständen sorgt für die ideale Abwechslung. Ein Besuch der Burg oberhalb von Nafpaktos lohnt nicht nur wegen des wunderschönen Blickes auf den Peloponnes oder den alten Hafen. Beides kann man auch in einem der Cafes etwas unterhalb genießen.

Von Nafpaktos aus bietet es sich an, einen Abstecher in die Berge zu machen und den zahlreichen kleinen Straßen in Richtung des Teh.L.Mornou Stausees zu folgen, um dann in Amfissa oder Galaxidi wieder in Richtung Delfi zu schwenken. Kurvenvergnügen pur und noch dazu alleine auf der Straße.
Die Olympiade hat auch ihre guten Seiten. Inzwischen kann man den Moloch Athen auf einer Umgehungsstraße, der Attiki Odos, umfahren. Nur sollte man sich in Richtung Flughafen oder Thessaloniki halten und nicht versehentlich den Athenschildern folgen, sonst steht man unterhalb der Akropolis im Stau und muss zusehen, wie man wieder raus kommt. Hat man Athen hinter sich gelassen, ist die gesamte Küstenstraße von Glifada in Richtung Kap Sounion wieder ein Genuss.


In dem kleinen Hafenstädtchen Rafina nutzen wir die Gelegenheit und nehmen die Fähre nach Euböa, der langestreckten Halbinsel im Norden von Attika. Wieder haben wir das Gefühl alleine zu sein. Mittelgebirgsflair mit Meerblick bestimmt die Umgebung. Die Straßen sind wunderbar kurvenreich. Hier besteht keine Gefahr das Profil in der Mitte abzufahren. Auf Hügelkuppen treiben Wachtürme aus der Vergangenheit ein Wechselspiel mit Windrädern von morgen. Wer nicht in Eile ist, sollte sich an der Strandpromenade von Eretria einen Kaffee gönnen. Hektisch und unübersichtlich wird es auf Euböa nur in der Hauptstadt Chalkis. Da muss man durch, danach hat einen die Ruhe wieder. In Agiokambos, wo die Fähre wieder auf das Festland geht, ist es schließlich so ruhig, dass keine der Pensionen geöffnet hat. Doch mit etwas Fragen wird ein Zimmer auch außerhalb der Saison „in Betrieb genommen“.

Pilion - ein Ort aus einer anderen Zeit
Ein absolutes Juwel ist unsere nächste Station, der Pilion, die Halbinsel am Golf von Volos. Durch selbiges muss man leider erst durch, bevor wir die Urwüchsigkeit der Halbinsel genießen können. Von Volos aus geht es „nur“ über den Bergrücken, läppische 40km. Doch selbst bei sportlicher Fahrweise unterschätzt man die Fahrzeit. Gute 2h ist keine Seltenheit. Die Kehrenfrequenz lässt dabei jeden Alpenpass blass werden. Ein Motorradparadies! Und die richtige Einstimmung, denn hier laufen die Uhren langsamer (zumindest in der griechischen Nebensaison). Auch die Vegetation wechselt, sie erschlägt einen fast. Hier wuchert es grün wie im Regenwald, da die Ostseite eine Wetterbarriere darstellt und entsprechend Niederschlag abkriegt. Wir auch. Gut dass wir die Regenkombis dabei haben. Tief tauchen wir ein in den Märchenwald. Wenn die Nebelschwaden die saftig grünen Hänge hinunterziehen ist Mittelerde nicht weit.


Nicht Minas Tirith, sondern das Dorf Horefto ist unser Ziel. Barbara war vor Jahren schon einmal hier und schwärmt mir schon die ganze Zeit vor. Im strömenden Regen bekommen wir den ersten Eindruck. Die Gehsteige sind hochgeklappt. Nur wenige Hotels und Pensionen haben überhaupt auf. Die Einheimischen wundern sich über jeden Fremden. Fast hat man den Eindruck sie wären gerne noch ein Weile unter sich. Doch der Eindruck täuscht.
Herzlich werden wir trotz klitschnassen Kombis begrüßt. Wir scheinen die einzigen Gäste zu sein.
Das gibt dem Hotelier viel Zeit sein Hobby auszuleben. Er spielt den ganzen Tag DJ an der Rezeption, wo er ein respektables Mischpult stehen hat. Pink Floyd und Co zählen zu seinen klaren Favoriten.
Zu Essen gibt es in der Nebensaison bei ihm eigentlich nichts, doch ein paar Vorspeisen und selbst gemachten Retsina lassen sich immer auftreiben. Seine Tavernenempfehlung kann sich sehen lassen. Keine Karte, nur Empfehlungen vom Chef. Wenn es mit der Verständigung nicht klappt, wird das entsprechende Getier aus der Küche gezerrt oder man darf in der Küche in die Töpfe schauen. Fisch und Meeresfrüchte sind vom feinsten. Leider, wie allgemein in Griechenland, relativ teuer, da die Ägäis ziemlich leer gefischt ist. Dennoch sehr empfehlenswert, insbesondere wenn die Fische wie hier, vom Boot direkt in die Pfanne oder auf den Grill wandern.
Wir merken nicht wie die Zeit verfliegt. Nach ein paar Tagen müssen wir uns leider wieder losreißen.

Ziegenmilch-Cappucino
Nach dem ruhigen Rhythmus am Pilion kommt uns Kalampaka mit den Meteoraklöstern, trotz Nebensaison, viel zu stressig vor. Auch die atemberaubende „In tödlicher Misson“ - James Bond Kulisse kann uns nicht zum Bleiben überreden.
Da erscheint die Überquerung des Pindos-Gebirges und die Befahrung des Katarapasses (1700 m) bei weitem spannender. Von der warmen Küste kommenden ist es nicht nur spannend, sondern auch saukalt. Schneebedeckte Bergspitzen weisen uns den Weg. Ab in die Hütte auf der Passhöhe zum Aufwärmen. Der Cappucino ist schnell bestellt. Beim ersten Schluck verziehen wir das Gesicht. Saure Milch? Nicht doch, nur Ziegenmilch. Nachdem dies klar gestellt ist, bestellen wir noch einen. Beeindruckend war auch der Blick aus dem Fenster auf die holländische BMW mit aufgeschnallter Axt und Klappspaten.

Nachdem der Abstieg vom Pindos-Gebirge recht feucht verlaufen ist, hat sich das Wetter in Ioanina wieder beruhigt. Malerisch am See gelegen ist der türkische Einfluss deutlich zu spüren. Es gibt Basare, Moscheen und zahlreiche Gebäude mit orientalischen Momenten. Ioanina ist vor allem bekannt für seinen Silberschmuck, die zahlreichen Läden sind nicht zu übersehen. Einen schönen Blick auf den See haben wir von Resten der Festung in der Altstadt. Einen Ausflug auf die Insel des Ali Pascha lassen wir uns ebenso wenig nehmen, wie einen Besuch in der nahe gelegenen Tropfsteinhöhle von Perama, in deren Nähe wir auch eine Unterkunft finden. Auf die Frage, wo man hier am besten Essen geht meint der Einheimische in unserer Pension: “Fahrt zum Essen ins nächste Dorf, hier gibt es kein gutes Restaurant.“ Das Empfohlene im nächsten Dorf hatte leider zu. Also sind wir doch in Perama Essen gegangen. Leider hatte der Einheimische Recht.


Nördlich von Ioanina liegt die Vikos-Schlucht, der Grand Canyon Griechenlands. In der Tat ist der Blick in der Canyon beeindruckend. Spaß macht auch die Schotterpiste bis zum Aussichtspunkt. Weit weniger Spaß macht mir, an dieser malerischen Stelle, der Softwareabsturz meiner Digitalkamera. Nichts geht mehr. Zuhause stellt sich heraus, dass beim Absturz die Speicherkarte gecrashed wurde. Mit einer Rettungssoftware ließen sich die Bilder der ersten Woche nur zum Teil wiederherstellen, die der zweiten Woche ganz. Vom restlichen Urlaub gibt es keine, da sich die Kamera nicht mehr hochfahren lies.

Entlang der albanischen Grenze
Anstatt über Ioanina wieder zurück nach Igoumenitsa zu fahren, wählen wir Schleichwege entlang der griechisch-albanischen Grenze. Bis auf ein paar Grenzpatrouillen begegnen wir keinem Menschen. Dafür umso mehr Schlangen, die entweder schon platt gefahren sind, oder es bald sein werden, wenn sie sich nicht aus dem Staub machen.
Das Grenzgebiet ist und war eine sehr arme Gegend. Dies ist auch der Grund warum gerade viele der älteren Leute Deutsch sprechen. Diese waren nämlich unter den ersten Gastarbeitern in Deutschland und sind nun wieder zurück in der Heimat. Viele von Ihnen haben Restaurants oder Pensionen in der Gegend.

Die letzten Tage verbringen wir in Sivota am Meer in einer ebensolchen Pension und lassen den Urlaub ausklingen, bis uns die Fähre ruft.

Anfang Weitere Bilder: 1 2 3


Alle Seiten und Fotos © 2001- 2007 Stefan Fischer, email: info@fischer-stefan.com