

Sommer 2005. Eigentlich sollte es nur ein Trip ins Piemont, dem Grenzgebiet zwischen Italien und Frankreich werden, Militärstrassen von Napoleon bis Mussolini, Bergfestungen und 3000er. Diesmal nicht mit dem Motorrad, sondern mit dem Geländewagen. Was liegt näher, als daraus gleich eine Testfahrt zu machen. Der Toyota bekam einen Campingausbau und ein neues Fahrwerk. Leider waren von OME zum Zeitpunkt des Umbaus nur Federn lieferbar, doch warten wollten wir - Barbara, Werner und ich - nicht.
Also gab’s einen Satz Maxxis Dämpfer, sollen genauso gut sein. Wunderbar, Hauptsache los.
Guter Start
Ein toller Start Stau vom Brenner bis Verona, Baustelle von Mailand bis Turin, das Ganze im strömenden Regen bei Klasse Aquaplaning. Auf der Autobahn nach Turin höre ich, durch den Regen, immer wieder ein schabendes Geräusch links vorne, messe diesem aber keine Bedeutung zu.
Bei Nacht und Nebel erreichen wir im Val di Chisone das Städtchen Perosa Argentina. Schnuckeliges Hotel direkt am Dorfplatz (bei Nacht und Sauwetter waren wir nicht in Campinglaune). Schöne Atmosphäre für ein paar Absacker.
Am nächsten Tag weckt uns der Sonnenschein. Unser Ziel ist die Stichstraße auf den Conca Cialanca. Nach einigen km Schotter meldet sich wieder das schabende Geräusch und wird lauter. Nachsehen kostet nichts: "Ich glaub’ ich spinn". Am linken Vorderradstoßdämfer löst sich der obere Gummi auf. Kein Wunder das es klappert, wenn der Dämpfer auf den Rahmen schlägt. Keine Panik, mit Draht und Klebeband geflickt, weiter geht’s. Ganze 10 m, dann fängt es rechts vorne an zu schlagen: Das gleiche Problem, nur hat sich hier der Gummikomplett verabschiedet. Wie war das, Maxxis genauso gut wie OME? Die Dämpfer vielleicht, die Gummis sicher nicht. Damit es nicht langweilig wird, verzieht sich die Sonne und es fängt an zu regnen.


Wir ignorieren das Geklapper und schleppen uns bis zur Schutzhütte an einem, bei Sonnenschein wahrscheinlich malerisch gelegenem, Bergsee. Trotz Regen ist uns das Glück hold. In der ansonsten leeren Schützhütte liegen alte LKW-Schläuche. Das ideale Material um Ersatzgummis zu basteln (wir wollten schon an die Fußmatten ran). Der Umstieg von Motorrad auf Auto war doch zu flott. Ich habe nur mein Motorradwerkzeug dabei, das sich um einige Nummern zu klein erweist. Werner treibt allerdings beim nahen gelegenen Viehhirten einen passenden Schraubenschlüssel auf. Aus den LKW-Schläuchen schneiden wir „Beilagscheiben“, die im Stapel einen hervorragenden Ersatzgummi ergeben. Da die Reparatur zwar abgeschlossen ist, das Wetter jedoch immer bescheidener wird, beschließen wir den Rest des Tages bei der Schutzhütte zu verbringen.
Während Barbara kulinarische Genüsse zaubert, machen wir einen Spaziergang um den See. Nicht ohne uns schon wieder aufregen zu müssen. "Muss denn jeder seinen Müll liegen lassen". An einer Stelle liegen die Bierflaschen nur so im Wasser. Zu früh aufgeregt kein Müll volle Flaschen! Wohl von der letzten Party übrig. Die haben wir uns verdient, nach der Arbeit im Regen.
Abends gesellt sich noch ein anderes Fahrzeug zu uns. Die Fahrer meinten, sie wären spät dran, da sie den falschen Einstieg auf die Piste genommen haben. Sie sind nach GPS, nicht nach Karte gefahren. Tja, falsche Koordinaten, manchmal tut’s auch der Blick auf die Karte…
Wunderbare Aussicht
Am nächsten Tag bewahrheitet sich unsere Vermutung. Bei Sonnenschein ist es sehr malerisch hier. Bei traumhaftem Blick auf die schneebestäubten Gipfel der umliegenden Gebirgszüge schrauben wir uns nahe an den Gipfel der Conca Cialanca. Hier finden sich Reste von Mannschaftsgebäuden oder Stellungen. Ein Trampelpfad erschließt noch die letzten Höhenmeter hinauf bis auf den Grad und gibt den Blick gen Süden frei.


Trotz der schönen Aussicht heißt es umkehren, da es sich hier nur um eine Stichstraße handelt. Zurück in Perosa Argentina folgen wir dem Flüsschen Chisone bis nach Fenestrelle. Fast erdrückend wird das Tal von der mächtigen gleichnamigen Festungsanlage beherrscht, die sich an einen gesamten Bergrücken entlang zieht. Doch unser erster Gedanke gilt einer Autoriparazioni sprich Werkstatt um unsere Schlauch-Beilagscheiben durch ordentliche Gummis zu ersetzen. Vom Tankwart erhalten wir eine Telefonnummer und mit einem kombinierten Grundwortschatz aus Spanisch, Französisch und Italienisch haben wir eine ungefähre Vorstellung, wo sich die Werkstatt befindet. Unser Provisorium kann mangels der passenden Teile zwar nicht ersetzt, zumindest aber verstärkt werden.
So nehmen wir die nächste Höhenstraße in Angriff. Unser Ziel ist die Assietta-Kammstraße, die über acht Pässe auf dem Kamm zwischen dem Val di Susa und dem Val di Chisone verläuft. Doch so weit kommen wir nicht. Auf den steilen Kehren, parallel zur Festung Fenestrelle, kocht plötzlich der Kühler. Rechts ran, im Standgas abkühlen lassen. Was ist jetzt nun wieder? Da sich der Lüfter ordnungsgemäß zu drehen scheint, fällt uns nichts Besseres ein, als zu warten bis die Temperatur wieder gesunken ist. Machen wir auch. Bis auf die Höhe der Kammstraße ist noch ein weiterer Kühlstopp notwenig. Solange genügend Wasser im Kühler ist und wir die Anzeige im Auge haben passt es schon.
Die erste Hälfte der Strecke fahren wir auf der dem Val di Chisone zugewandten Seite. Wir sind nicht die einzigen, die hier unterwegs sind, auch wenn es unter der Woche ist. An mehreren Festungen geht es vorbei, bevor wir am eigentlichen Col dell’ Assietta die Seite wechseln. Im Val di Susa ist das Wetter bei weitem nicht so freundlich. Eisiger Wind pfeift über den fast 2500 m hohen Kamm. Der Himmel zieht zu. Noch kann sich der Regen nicht entscheiden, ob er fällt. Soll er sich ruhig noch überlegen. Andere Fahrer beginnen bereits im kaum vorhandenen Windschatten ihre Lager aufzuschlagen. Ein bisschen weniger zugig darf es auch sein. Als wir uns bereits wieder auf der Fahrt ins Tal befinden werden wir fündig. An einer Kehre mit wunderschönem Blick auf die gegenüberliegenden Skilifte des Monte Banchetta schlagen wir unser Lager auf. Mangels Bergsee gibt es auch kein Bier. Aber im Piemont lässt sich bekannter Weise auch sehr gut Rotwein trinken. Wobei angesichts des Temperatursturzes ein Grog eine feine Sache wäre.
Radler zum Frühstück
Während wir in der Morgensonne beim Frühstück sitzen, ziehen die ersten Mountainbiker an uns vorbei um die Assietta zu erklimmen. Wir passieren Sestriere und konzentrieren uns auf einen Versorgungsstopp in Cesana Torinese. Nebst dem bereits erwähnten piemonteser Wein verschwinden auch lokale Käse- und Wurstspezialitäten in unseren Vorratsbehältern. Da die französische Grenze so nah ist, machen wir einen kurzen Abstecher nach Briancon. Auch hier wird der Blick ins Tal von den wuchtigen Festungsanlagen dominiert. Französische Köstlichkeiten ergänzen unsere italienischen Spezialitäten. Auf dem Weg zurück ist es wieder da unser "Kühlerproblem". Aber mit ein paar Zwangspausen sind wir wieder wohlbehalten in Italien. Gleich hinter der Grenze biegen wir ab ins Valle Gimont. Über den Colle Bercia geht es durch sommerlich brachliegende Skigebiete über die die ein oder andere Schotterpiste führt, bis uns alte Kasernengebäude zum bleiben einladen. Man muss ja nicht jeden Abend erst nach Sonnenuntergang das Lager aufschlagen. Entspannte Atmosphäre breitet sich aus. Zum Lagerfeuer und den regionalen Spezialitäten packt Werner noch die Klampfe aus.
Hier steppt nicht nur der Bär, wie wir mitten in der Nacht feststellen. Die Dorfjugend hat die Kaserne offensichtlich als nächtliches Partygelände erschlossen und holt uns unsanft aus dem Schlaf!


Am nächsten Morgen ist es Zeit das Tal zu wechseln. Im Val di Susa machen wir uns auf den letzten befahrbaren 3000er zu erklimmen, den Sommellier. Es geht wieder gut los. Bis zum Stausee auf 2000m Höhe brauchen wir bereits einige Kühlstopps. Wir nehmen die Wartepausen gelassen und genießen den Ausblick. Trotzdem, irgendetwas ist hier falsch. Sollten wir nicht an den Landrovern vorbeiziehen? Dafür fährt man doch Toyota, oder? Nach zahllosen engen Kehren, die zum Rangieren zwingen, haben wir das Hochplateau auf 2600m erreicht. Inzwischen wird es frischer, das sollte auch der Kühlung zugute kommen. Ich will gerade auf einer längeren Geraden Gas geben, als es plötzlich an der Lenkung ruckelt. Nein, bitte nicht auch noch einen Platten. Keine Sorge, kein Platten. Es hat nur gerade den Hydraulikschlauch der Servolenkung zerrissen! Es reicht! Zu allem Überfluss kommen zwei Radler vorbei, beschweren sich über den Gestank, packen ihre Räder in den auf 2600m geparkten A6 Kombi und fahren den Berg wieder runter, als ob sie in München auf dem Stachus wären. Nix mehr Sommelier, wir kehren um. Die Vokabel „Autoriparazioni“ kennen wir ja schon. Wir werden auch fündig. Wieder ein echter Mechaniker und keine Vertragswerkstatt. Zum Glück, in einer halber Stunde läuft die Servolenkung wieder. Den Weg bis zur Werkstatt kann man als Bodybuilding verbuchen.
Bei genauerem Hinsehen stanzen sich die Stoßdämpfer inzwischen langsam durch unsere Gummi-Beilagscheiben. Die hiesige Werkstatt hat leider auch keine passenden Ersatzgummis. Angesichts des zusätzlichen, nach wie vor ungelösten, Kühlerproblems beschließen wir uns lieber von der Vernunft leiten zu lassen und machen uns schweren Herzens auf die Heimreise, nicht ohne das Versprechen wieder zu kommen.
Zweiter Anlauf
Wochen später. OME Dämpfer waren wieder lieferbar, die angeblich genauso "Guten" wurden zurückgegeben. Beim Lüfter war die Viscokupplung defekt. Dies wohl schon länger, doch im Normalbetrieb reicht die Kühlleistung auch so aus, so dass wir es nie bemerkt haben. Die Hydraulikschläuche der Servo hat zwar der Meister im Piemont schon wieder zum Laufen gebracht, wurden aber sicherheitshalber auch komplett ausgetauscht. Frisch gestärkt soll es nun wieder ins Piemont gehen, um im gleichen Gelände zu Testen.
Das Wetter ist jedoch anderer Meinung. Der Wetterbericht sagt für das Piemont Schnee und bis zu -10 Grad voraus. Ich denke da muss unser Versprechen bis zum nächsten Jahr warten. Stattdessen wählen wir die entgegen gesetzte Richtung mit dem Ziel Karnische Alpen. Hier sind die Gipfel und Pässe doch einige hundert Meter niedriger, zudem wird schönes Wetter voraus gesagt. Danach sieht es unterwegs allerdings nicht aus. Seit der österreichischen Grenze Regen, Regen und noch mal Regen. Auch nach dem Felbertauerntunnel wird es nicht besser. Am Plöckenpass hört es zumindest auf zu regnen.
Unser erstes Ziel ist der Monte Paularo. Der untere Teil des Weges wurde leider mit Planierraupen bearbeitet und hat seinen Reiz etwas verloren. Am oberen Ende wird die Straße zwar spannender, doch die Sicht gleich Null. Wir haben den Hochnebel bzw. der Hochnebel hat uns erreicht. Wie in einem Märchenwald, nur ohne Wald, denn die Baumgrenze habe wir hinter uns gelassen, tasten wir uns auf dem Pfad entlang. Die Stimmung erinnert an schottische Hochmoore. Mit einer Aussicht von 10m lädt es allerdings nicht zum Verweilen ein. Zu dem haben wir Stichstrassen langsam satt. Umso mehr freuen wir uns auf die Panoramica della Vette, die entlang der Südseite des Monte Crostis verläuft und wie der Name schon sagt, eine Panorama- und eine Durchgangsstraße ist. Sie hält was sie verspricht. Der Nebel reißt auf und bei blauem Himmel und Sonnenschein genießen wir die Aussicht. Auf den steilen Stücken macht sich auch die Viscokupplung bemerkbar. Der Lüfter schnurrt, nicht wie ein Kätzchen, eher wie ein bengalischer Tiger. Schönes Geräusch!
Ein letzter Espresso
Da sich kein wirklich gemütliches Plätzchen findet, beschließen wir die Nacht auf einem Campingplatz zu verbringen (500 Höhenmeter tiefer ist es immer nicht kalt genug wie sich dann herausstellt). Aber es gibt entweder keinen, oder sie sind schon geschlossen, die Saison ist bereits vorbei. In San Stefano werden wir doch noch fündig. Der Platz ist offiziell geschlossen, aber Dauercamper sind anwesend um ihre Wohnwagen und Hütten winterfest zu machen. Wir dürfen uns trotzdem dazu gesellen. Den Abend verbringen wir zwar im Schatten der Berge, dafür scheint uns die Sonne am nächsten Morgen ins Gesicht.


Von San Stefano aus geht es in einer Schlucht über Holzbrücken, enge Kurven (wo ist mein Motorrad?) und Schotterstraßen ins südlich gelegene Pesarina-Tal. Die Schotterstraße sieht teilweise aus, als wenn sie gepflastert wäre. Vielleicht sind wir auf einer alten Römerstraße gelandet. Hier hält der Herbst schon Einzug. Trotz strahlendem Sonnenschein ist die Luft sehr frisch und die Blätter leuchten in allen Farben.
Vor uns liegt die Überquerung des Monte Zoncolan. Die Steigung schreit nach Untersetzung und die Viscokupplung kann zeigen was sie kann. Tut sie ist auch. Gemütlich schnurren wir die Serpentinen hinauf, teilweise durch tiefen Wald, vorbei an einfachen Almen und imposanten Ferienwohnsitzen. Das Nadelöhr befindet sich kurz unterhalb des Sattels, mehrere Tunnel mit einer Durchfahrtshöhe von 2,50m und auch nicht viel breiter. Oben erwartet uns zwar die Sonne, die wir ausgiebig bei einem Picknick genießen, die Aussicht wird durch hässliche Skipisten allerdings nicht gerade verschönert.
Diesmal ist es die Zeit, die uns ausgeht. Auf dem Plöckenpass genießen wir einen letzten Espresso bevor wir in Österreich wieder in den Regen fahren…
Fazit: Ich bin mit meinem Auto wieder versöhnt, im Piemont ist es fahrtechnisch anspruchsvoller, der nächste Ausflug in die Karnischen Alpen findet mit dem Motorrad statt und das Versprechen gilt es noch einzulösen.