Südtunesien - Durch die Ausläufer des Grand Erg Oriental

Frühjahr 2006. Unterwegs in der Sahara zwischen algerierischer und libyscher Grenze. Auf der Suche nach versteckten Seen, beeindruckenden Dünengebieten und Passagen abseits aller Pisten. Unterbrochen durch Bergungsaktionen, Sandstürme und Zahnbehandlung in der Wildnis ...
Ein detaillierter Reisebericht ist auch in der Ausgabe 7/06 erschienen.


Am Nordrand der Sahara
Den Schnee der Alpen und die Erinnerung an Windstärke Neun auf der Überfahrt nach Tunis haben wir hinter uns gelassen. In Douz bereiten wir uns auf unsere Tour ins südtunesische Sperrgebiet vor. Hier am Nordrand der Sahara bietet der farbenfrohe Markt und die umliegenden Geschäfte alles, um die Vorräte aufzufüllen. Neben Proviant nehmen wir 80 Liter Wasser und 260 Liter Diesel an Bord unseres Toyota HZJ80, die uns bis an die Südspitze Tunesiens und wieder zurück bringen sollen. Ähnlich beladen sind auch die HZJ75 und HZJ78 unserer Mitfahrer.

Kurz nach Douz lassen wir den Teer hinter uns. Wir tauschen ihn gegen eine flott zu fahrende Sandpiste, die uns in Luftlinie zur Oase Ksar Ghilane bringen wird. Auf halber Strecke erreichen wir das Cafe La Porte du Désert. Von Achmed, der das Cafe zusätzlich zu seinem Frisörladen in Douz betreibt, lassen wir uns das typische Getränk der Wüste, Tee mit Minze, servieren. Die Stärkung tut gut, denn hinter dem Cafe steuern wir auf den ersten Höhepunkt zu, das Tor des Sandes. So nennt sich der anspruchsvolle Dünengürtel, den es zu durchqueren gilt. Luft wird abgelassen, Untersetzung und Schaufeln kommen erstmals zum Einsatz. Nun trennen uns nur noch wenige Kilometer auf einer steinigen Piste vom eigentlichen Ksar Ghilane. Mit Ksar, der Begriff steht für ein befestigtes Wehrdorf, ist in diesem Fall ein Wüstenfort aus der französischen Kolonialzeit gemeint. Vom alten Fort aus hat man einen herrlichen Blick auf die tiefer gelegene Sandebene, aus der die Oase Ksar Ghilane in sattem Grün hervorsticht.


Von der Oase geht es geradewegs nach Süden. Wir fahren am Ostrand des Grand Erg Oriental entlang und vermeiden die weiter östlich liegende, landschaftlich unspektakuläre Pipelinepiste. Weite Ebenen wechseln sich mit Bergrücken und kleinen Dünenfeldern ab. Zu unserer Überraschung breiten sich in den Ebenen weiße und violette Blütenteppiche aus. Der Boden ist von zahllosen Blumen übersät. Mittendrin grasen Kamele, die sich durch unsere Anwesenheit nicht im Geringsten stören lassen. Ein Ausläufer des Ergs nach Osten zwingt uns für eine Umfahrung ein kurzes Stück auf die Pipelinepiste. Eine Durchquerung ist zwar machbar, aber aufgrund des sehr weichen Sandes Zeit raubend. Die ausgeschlachtete Karosse eines weißen Ford Transits markiert die Abzweigung nach El Borma. Von hier aus schlängelt sich die Piste geradewegs in den Erg hinein. Vor El Borma biegen wir von der Piste ab und suchen uns einen malerischen Lagerplatz am Fuße einer großen Düne.

Am nächsten Morgen erwartet uns das Militär an einer Straßensperre. Die Pässe werden geprüft, Späße gemacht und die eine oder andere Zigarette wechselt in lockerer Atmosphäre ihren Besitzer. Außer Wohnbaracken, Militär und Polizei ist die Attraktion von El Borma die Tankstelle. Sicherheitshalber tanken wir nach, obwohl der Preis dreimal so hoch ist wie im restlichen Tunesien. Auch der Tankwart fragt nach Zigaretten, hat aber klare Markenvorstellungen, denen wir nicht entsprechen können.

Im großen Sandkasten
Wir halten uns wieder Richtung Süden. Unser Ziel ist es, dem Grenzverlauf bis kurz vor Borj El Khadra zu folgen. Das Gefühl grenzenloser Freiheit macht sich breit. Vor uns keine Spur, nur unberührte Dünen und weite Ebenen. Ein gigantischer Sandkasten soweit das Auge reicht. Allerdings nicht nur ein Spielplatz, sondern ein Terrain, dem man mit dem notwendigen Respekt begegnen muss. Die hohe Kunst des Dünenfahrens ist es, auf der Kante zum Stehen zu kommen, um Einblick in das dahinter liegende Tal zu gewinnen. Ist dieser wenig verheißungsvoll heißt es gefühlvoll den Rückwärtsgang einzulegen. Häufig wird der üppig erscheinende Schwung von der Düne aufgezehrt und selbst schnelles Herunterschalten rettet uns nicht vor dem Verhungern am Hang. Ein neuer Versuch mit mehr Anlauf oder Anfahren im höheren Gang, um nicht durch Schalten an Schwung und Traktion zu verlieren, ist notwendig. Dünensurfen hat eindeutiges Suchtpotenzial.


Die Zeit vergeht im Flug und die Schatten werden wieder länger. Die Suche nach einem Übernachtsplatz beginnt von Neuem. Die Ansprüche steigen, mit der erstbesten Sicheldüne sind wir nicht mehr zufrieden. Diesmal erklimmen wir einen Dünenkamm. Von dessen Rücken ist der Ausblick nach Algerien grandios. Gemütlich im Klappstuhl sitzend genießen wir das täglich aufs Neue faszinierende Farbenspiel des Sonnenunterganges. Aus dem gleißenden Licht des Tages schälen sich die Konturen der Sandoberfläche. Das Riffelmuster der Dünen wird in kräftiges Rot getaucht. Kurz vor dem Horizont scheint die Sonne einen Moment zu zögern, nur um umso plötzlicher dahinter zu verschwinden. Kaum fehlen die wärmenden Strahlen nimmt die Temperatur fühlbar ab. Es wird Zeit das Lagerfeuer anzuschüren.

Sandrosen an der libyschen Grenze
Schneller als uns lieb ist, erreichen wir das südliche Ende des großen Ergs. Zwischen den Sandbergen zeigt sich bereits die dahinter liegende Ebene. An der Funkantenne ist die Militärbasis von Borj El Khadra zu erkennen. Diese lassen wir rechts liegen und folgen den zahlreichen Spuren in der Ebene zu den Ruinen von Bir Pistor. Die Reste des Weilers liegen am Rande eines Salzsees, der sich weit in das nahe gelegene Libyen hinein erstreckt. Im grellen Sonnenlicht gaukeln uns die Luftspiegelungen Wasserflächen und Tafelberge vor. Wir folgen der Spur in den Salzsee. Links und rechts davon macht die Oberfläche keinen Vertrauen erweckenden Eindruck. Kurz vor der Libyschen Grenze haben wir unser Ziel erreicht, ein Sandrosenfeld. Sandrosen sind bizarre Gipskristalle, in die Sand eingebettet ist. Anders als der Name vermuten lässt, „blühen“ die Rosen nicht an der Oberfläche, sondern kristallisieren in der salzigen Brühe im Boden.

Nordöstlich von Bir Pistor nutzen wir ein Dünental um wieder in den Erg hinein zu fahren. Hier sind die Täler breiter, der Boden fester und von zahlreichen Büschen in sattem Grün bedeckt. Viel Zeit kann seit dem letzten Regen nicht vergangen sein. Die Dünen verlaufen nun regelmäßiger in parallelen Ketten. Wir haben Glück und stöbern eine Gazelle auf. Kaum hat sie uns wahr genommen, nimmt sie in hohem Bogen Reißaus. Kein Wunder, werden hier Gazellen doch üblicherweise vom Auto aus gejagt.

Wolken ziehen auf, in nordwestlicher Richtung wird der Himmel trübe. Es sieht nach Sandsturm aus. Im Laufe des Tages nimmt der Wind zu, der Sand pfeift über den Boden, die Spuren des Vordermanns sind kaum noch zu erkennen. Wir bleiben eng zusammen und heften uns an die Silhouette des voraus fahrenden Fahrzeugs. Der Sand durchdringt in Kürze sämtliche Ritzen. Eine unserer Mitfahrerinnen hat dem Drang den Sand aus den Zähnen zu pulen offensichtlich zu stark nachgegeben. Plötzlich hält sie eine Krone in der Hand. Doch wir sind bestes ausgerüstet, mit Zahnarzthelferin, dem richtigen „Werkzeug“ und Zweikomponentenkleber im Gepäck. Nachdem der Sandsturm nachgelassen hat, wird unter freiem Himmel die Praxis eröffnet. Schnell ist die Krone wieder eingesetzt und hält noch heute.


Auf zum versteckten See
Wir passieren El Borma und folgen diesmal der algerischen Grenze nach Norden. Hier soll es in einigen Dünenkratern Süßwasserseen geben, die von heißen Quellen gespeist werden. Wir folgenden einer alten Piste, die inzwischen großteils vom Sand zurück erobert wurde. Oft ist es einfacher sich querfeldein eine neue Route zu suchen. Die zahlreichen kleinen, eng aneinander liegenden Dünen verlangsamen unser Tempo deutlich. Wie bei hohem Seegang tanzen die Fahrzeuge auf ihnen auf und ab. Mehr als einmal müssen wir zu Fuß voraus gehen, um das Gelände zu erkunden. Trotzdem bleiben wir im Sand stecken. Meist gelingt es uns jedoch, uns gegenseitig mit dem Bergegurt heraus zu ziehen.

Am frühen Nachmittag erreichen wir den Kraterrand. In der Mitte des mehrere Kilometer breiten Dünenkessels liegt malerisch ein kleiner schilfbewachsener See. Doch vor der Freude auf das kühle Nass liegt der Abstieg in den Kessel. Unter hohem Adrenalinpegel geht es über 40 Meter steil hinab und kurz vor dem Boden in eine ordentliche Verschränkungspassage hinein. Wohlverdient schlagen wir am Ufer des Sees unser Lager auf. Den Rest des Tages ist Entspannen, Baden und Spazierengehen angesagt. Bei einer Shisha (Wasserpfeife) im Licht des Vollmondes lassen wir den Abend ausklingen.

Nach diesem Abstieg war klar, der Ausstieg aus dem Krater wird kein Zuckerschlecken. Die flachste Stelle ist durch Dünen zugeweht und besteht aus extrem weichem Sand. Die ersten Versuche scheitern an kleinen Querdünen, die unseren Fahrzeugen jeglichen Schwung nehmen. Es hilft nichts, zwei der Querdünen müssen wir wegschaufeln. Zusätzlich senken wir den Reifendruck auf 0,8 bar. Das erste Fahrzeug schafft es knapp auf das nächst höher gelegene Plateau. Trotz langem Anlauf ist der Sand für das zweite Fahrzeug zu weich. Die Spur wird fest getreten und die kritische Steigung mit Sandblechen befestigt. Diesmal reicht der Schwung, doch eine enge 90 Grad Kurve auf der nächsten Anhöhe bereitet der Hoffnung ein Ende. Rückwärts geht es auf einen Dünenkamm um weiteren Schwung zu holen. Mit Anschieben reicht es für die nächste Kuppe. Mit vereinten Kräften schaffen wir ein Fahrzeug nach dem anderen aus dem Dünenkrater heraus.

Reger Tauschhandel
Erschöpft, aber zufrieden, sitzen wir nun am Fuße einer großen Sicheldüne im Schatten unserer Toyotas. Da unsere Vorräte langsam zur Neige gehen, nimmt der Tauschhandel sprunghaft zu. Kühles Bier gegen Rotwein, eine Einladung zum Abendessen für ein gemeinsames Frühstück. Zur Feier des Tages gibt es frisches Brot. In einem tiefen Loch im Sand wird ein kleines Feuer gemacht. Der angesetzte Hefeteig geht inzwischen hinter der Windschutzscheibe in der prallen Sonne. Später ziehen wir vier Laibe Brot aus der Glut.


Unsere Zeit neigt sich, leider viel zu schnell, dem Ende zu. Wir passieren wieder die Reste des Ford Transit, um uns auf den Weg nach Norden zu machen. Ohne weitere Zwischenfälle erreichen wir Ksar Ghilane. Diesmal übernachten wir im Tamariskenhain etwas außerhalb der Oase. Wir sind noch nicht richtig zum Stehen gekommen, als schon Besuch im Lager steht. Der Dorfpolizist? Nein, der örtliche Bäcker, der fragt, ob er uns morgen früh frisches Fladenbrot ans Auto bringen soll. Sehr gerne. Von einer Servicewüste Tunesien kann jedenfalls nicht die Rede sein.

Auf der Hinfahrt haben wir die Oase als Ruhepol im Vergleich zum hektischen Norden empfunden. Jetzt, nach Ruhe und Einsamkeit im großen Erg, trifft uns der Rummel in Ksar Ghilane wie ein Kulturschock. Am liebsten würden wir sofort wieder kehrt machen, doch leider wartet noch weiter nördlich eine Fähre auf uns.

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